Der Abschied naht - was ich gelernt habe


Dies wird nun voraussichtlich mein letzter Bericht sein.

Ich kann kaum glauben, dass eines meiner schönsten Jahre fast vorbei ist. In einigen Tagen werde ich wieder deutschen Boden betreten. Natürlich freue ich mich auf Deutschland und darauf, alle wieder zu sehen, aber eigentlich könnte ich auch noch ein paar Monate hier bleiben. Nur die Weihnachtszeit in Deutschland möchte ich nicht noch einmal missen.

Aber wie sagt man immer? Man soll gehen, wenn es am schönsten ist!

Mal ganz abgesehen davon, dass es eigentlich immer schön war, ist es momentan perfekt. In meiner Schule könnte es nicht besser laufen, in meiner Familie sowieso nicht und auch sonst bin ich einfach nur glücklich, mich für dieses Jahr entschieden zu haben. 

Ich habe so viel Neues erlebt, gesehen und gelernt. 

Was ich gelernt habe?

Hier einige Beispiele:

  •  mit den Fingern essen
  • 12 Monate ohne Milchprodukte klar kommen
  • Swahili sprechen
  • sich woanders zuhause fühlen
  • auf Holzkohle kochen
  • Weihnachten bei 30°C verbringen
  • jeden Tag das Gleiche essen, auch wenn es nicht schmeckt
  • in komplett überfüllten Minibussen fahren
  • Tansanische Gebärdensprache
  • mit einem  Eimer duschen
  • Tansanisch kleiden
  • Rückenschmerzen auf durchgelegener Schaumstoffmatratze aushalten
  • ohne Manieren (?!?) essen ( Aufstoßen erlaubt)
  • von Hand im Eimer Wäsche waschen
  • jeden Sonntag in die Kirche gehen
  • gerne mal fünf Stunden im Gottesdienst zu sitzen, ohne etwas zu verstehen
  • 1 Jahr in Flipflops laufen
  • immer auffallen (weil  helle Hautfarbe, auch wenn ich für deutsche Verhältnisse schon sehr dunkel bin)
  • Preise erst verhandeln
  • mit alter Nähmaschine nähen
  • jede Frau Mama oder Dada (Schwester) zu nennen
  • Hühner schlachten
  • immer Bajajis (kleine Dreiräder) für 20ct die Fahrt vor der Tür zu haben
  • auf Knochen und Knorpel rumkauen
  • einen Hühnerkopf oder die Krallen in der Soße finden
  • ohne sportliche Hobbys auszukommen
  • immer etwas nachgelegt bekommen, mit der Begründung, dass auch jederman sehen kann, dass es reichlich zu Essen gegeben hat
  • fremde Kinder in den Arm gelegt bekommen mit der Frage, ob man sie mitnehmen will
  • Heiratsanträge freundlich ablehnen
  • ohne Hilfsmittel unterrichten
  • ständig Mzungu (Weiße) gerufen werden
  • mit ständigen Magenproblemen leben
  • jeden Grüßen
  • Lernen die Autorität der Männer zu akzeptieren
  • flüchtig Bekannte wie Freunde behandeln und bei jeden Treff mal kurz zu quatschen
  • 14h ohne Toilettenpause in überfülltem, kaputtem Bus fahren
  • haufenweise frisches Obst essen
  • Leuten auszureden, dass die Mauer noch steht und Hitler ein toller Typ war
  • Abends um 11 Uhr noch essen
  • den Betonboden mit alten Lappen wischen
  • daran gewöhnen, dass fast alles mit einer Stunde Verspätung startet
  • spontan und unvorbereitet reisen
  • die Powerbank wegen Stromausfällen immer aufgeladen haben
  • bei Tageslicht (6-18 Uhr) zu Hause sein
  • Fremde kennen lernen, die einen aufnehmen und die man schon nach kurzer Zeit Familie nennen kann. Eine Familie in der man immer willkommen ist und sich unglaublich geborgen fühlt. Mit einem Baba (Gastvater), mit dem man sich stundenlang über Deutschlands und Europas Geschichte unterhalten kann, der einem fast jeden Wunsch erfüllt und der immer für einen Spaß zu haben ist. Mit Schwestern, die dir jeden Tag aufs Neue zeigen, wie gern sie dich haben, mit denen du, wie mit Freundinnen, über alle möglichen Mädchensachen reden kannst und die dich durchgehend zum Lachen bringen. Mit großen Brüdern, die dich im Dunkeln abholen, dir aber ständig das geile Essen wegnehmen, wenn es endlich mal was leckeres gibt. Und mit einer Gastmama, die nicht lieber und gutherziger sein könnte. Zu der du mit allen Fragen und Problemen gehen kannst. Einer Mama, die du einfach lieben musst.

Ich bin unglaublich glücklich, dass ich das alles LERNEN konnte und ein so schönes Jahr hatte.

Man sieht sich bald wieder.

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